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Merkmale und Schwierigkeiten der Umayyaden-Chilaafah


Von Anfang an war die Herrschaft der Umayyaden von bestimmten Problemen geprägt, die sich bis zu ihrem blutigen Untergang nicht lösten:

  • Art der Machtergreifung und -erhaltung:
    Spätestens mit Einführung des “Vererbungsprinzips”” und der “Bai’ah vor dem Herrschaftsantritt”, wie bereits von Mu’aawiyah (radial-laahu ‘anh) in Bezug auf seinen Sohn Yaziid erstmals eingeführt wurde, lösten sich die Umayyaden vom Vorbild der ersten vier Nachfolger des Gesandten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam)(al-chulafaa-ur-raaschiduun) derart, dass viele Gelehrte davor zurückschreckten, in den Dienst der Umayyaden-Herrscher und ihrer Statthalter zu treten. Zwar war ein Erstgeburtsrecht und eine entsprechende Nachfolge auch anderen Reichen und Völkern bekannt, doch erst Mu’aawiyah (radial-laahu ‘anh) führte die Bai’ah (Gefolgschaftseid) ein, welcher dem Nachfolger vorsorglich noch zu Lebzeiten des Noch-Regenten geleistet wurde.
    Da dieser Gefolgschaftseid von den meisten Gelehrten nicht als scharii’ah-konform gewertet wurde, führte dies dazu, dass die Umayyaden sich bewusst waren, dass sie nur auf dem Machtprinzip beruhend regieren können.
  • Skrupellosigkeit der Realpolitik:
    Insbesondere die östliche Hälfte der Chilaafah (die ehemaligen irakisch-iranischen Garnisonsstädte) wurde stets vernachlässigt, wenn es um Gunstbeweise des Staates ging. Vielmehr wurde der Irak als schwieriges, aufsässiges Gebiet, dessen Einwohner im fast immerwährenden Ausnahmezustand waren von sehr harten Statthaltern regiert, im Gegensatz zu den syrischen Provinzen, in denen sich schon zu Mu’aawiyahs Zeit Stabilität und Frieden ausbreitete und städtische Kultur gedeihen konnte.
    Das Gefühl, nicht als vollwertiger und schützenswerter Bestandteil des Umayyadenreiches betrachtet zu werden, und die unerhörten Beleidigungen und Ausschweifungen der Statthalter im Irak drängten auch politisch unbedarfte Normalbürger hin zu extremeren Sekten, was die Gelehrten und Gebildeten wiederum zu geistigem Gegensteuern drängte – in diesem Sinne sind etwa die stark ‘aqiidah-geprägten Briefe von Imaam Abu-haniifah und die öffentlichen Diskussionen der Gelehrten in Basrah und Kufah zu verstehen. Da die Anständigen sich scheuten, Ämter von der Regierung anzunehmen – eine Haltung, die bis in die Abbasiden-Zeit ihre Auswirkung hatte -, drängten natürlich die Skrupellosen in diese Ämter. Die Herrscher waren meist nur am realpolitischen Ergebnis interessiert: Steuereintreibung, Vernichtung einer jeglichen Opposition und harte Hand gegenüber den Schweigenden.
  • Die Mawaali-Problematik:
    Ursprünglich bestand das Mawaali-System darin, dass Nichtaraber gewisser-maßen von Angehörigen der Oberschicht der arabischen Stämme als Klienten (Schutzbefohlene) angenommen wurden. Dadurch standen sie unter demselben Schutz wie Blutsverwandte des Stammes und hatten Anrecht auf Protektion, etc. Dieses altarabische System wurde durch gesellschaftliche Umwälzungen – vor allem in Syrien – durch die umayyadische Elite und die zahlenmäßig kleine arabische Literatenschicht so uminterpretiert, dass die Mawaali sowie die Perser und Türken von Einflussposten und hohen Rangstellungen ausgeschlossen wurden.
    Da aber schon zu Beginn des 2. Jahrhunderts der Hidschrah nicht nur die meisten Übersetzer, Grammatiker und Naturwissenschaftler, sondern auch die meisten Fiqh-Gelehrten von den Mawaali gestellt wurden, führte die Ausgrenzung der Mawaali zu einer Verschärfung in der Kluft zwischen den Gelehrten und den Machthabern.
    Gegen Ende der Umayyaden-Zeit polarisierten sich die Gegensätze in Bildung zweier Parteiungen: die Vertreter des Gedankens eines höherstehenden Arabertums (‘uruubah), denen die Vertreter der Volksbewegung (schu’uubiyyah) gegenüberstanden.
    Aus dem ‘uruubah-Gedanken heraus speiste sich die fast ausschließliche Gedichtbegeisterung der Umayyaden-Fürsten, während die schu’uubiyyah logischerweise die benachteiligten Volksmassen der nicht-arabischen unzufriedenen Menschen ansprach.
    Zu bemerken ist auch die große Konkurrenz und Streitigkeiten unter den arabischen Stämmen wie unter Asch-schaamiyyuun (Muslime aus Syrien, Libanon, Palästina und Jordanien) und Al-hidschaaziyyuun (Muslime aus Hidschaaz) in Andalusien sowie unter Al-qaisiyyah und al-yamaaniyyah in Chorasan, die von den Abbasiden gegen die Umayyaden ausgenutzt wurden.
  • Die Gegnerschaft zu den Anhängern von ‘Aliy:
    Mit dem Märtyrertod von Al-husain (radial-laahu ‘anh) war ein Bruch zu den Nachkommen des Gesandten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) aus dem Hause ‘Aliys entstanden, der durch den allgemeinen Drang der Statthalter und ihrer Spitzel verstärkt wurde, jeden, der auch nur theoretisch ein Machtanwärter sein konnte, beim ersten Verdacht festzunehmen oder ganz zu beseitigen.
    Da auch in der Sicht der späteren Gründer der Fiqh-Schulen die Nachkommen von Al-husain bzw. Al-hasan gern als eventuelle Gegen-Chaliifah gedacht wurden, führte diese Haltung die Umayyaden wiederum dazu, auch diejenigen Gelehrten unter Druck zu setzen, die sich indirekt für eine Thronanwärterschaft der Aliden offen erklärten.
  • Stetige Aufstände und extreme Sektenbildung:
    Der unmäßige Druck auf den Irak bewirkte – stetig genährt von Untaten der Statthalter – einen starken Hass auf die Umayyaden. Daher bildeten sich extreme Sekten aus wie etwa Al-azaariqah, später oft mit dem Begriff der eigentlichen Chawaaridsch identifiziert, welche sich außerhalb der Städte Kufah und Basrah Lager bauten und teils mit Entführungen und Überfällen Rekruten für ihre Sache holten. Jeder, der nicht mit ihnen gegen die Umayyaden kämpfen wollte, wurde getötet; auch vor der Ermordung von Kindern und Frauen schreckten sie nicht zurück.
    Gegen diese und andere Bewegungen (auch Bewegungen gänzlich friedlicher Art, wie die der Ibaadiyyah in Basrah) wurde dieselbe Grausamkeit entgegengebracht, vor allem in der Zeit von ‘Abdul-malik Bnu-marwaan, der sich den Aufsteiger Al-haddschaadsch Bnu-yuusuf Ath-thaqafiy als Statthalter heranzog, ihn in den Irak und auf die arabische Halbinsel schickte, wo er mit großen Heeresgruppen und bislang ungekannter Brutalität jeden Widerstand in Blut erstickte. Auch vor der Ermordung der männlichen Einwohner von Al-madiina schreckte er nicht zurück, als diese sich entschlossen, Widerstand gegen die Verletzung der Stadtwürde zu zeigen.
    So verwundert es nicht, dass es ein gewaltiges Potential an Feinden des Staates der Umayyaden gab. Es hat nur der Funke an der Lunte gefehlt, den die Begründer der späteren Abbasiden-Dynastie lieferten.