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Der Staat nach prophetischem Vorbild


Der folgende Artikel ist die Transkription des Vortrages von Univ. Prof. Dr. Amir Zaidan zum Thema “Der Staat nach prophetischem Vorbild”.

Dieser Artikel ist Bestandteil des folgenden Tagungsjournals, welches in unserem BOOKSHOP bestellt werden kann.

Tagungsjournal: 1. Islamologentag 2017 – Das Gesellschaftsmodell im Islam

 

Der Staat nach prophetischem Vorbild

In diesem Vortrag soll analysiert werden, wie und nach welchen Prinzipien der Prophet (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) seinen Staat in Madiinah errichtet hat, welche Merkmale dieser Staat hatte und welche Entwicklung dieser im Nachhinein genommen hat? Auch soll gezeigt werden, welche Unterschiede es zu heutigen Herrschaftssystemen gibt und wie man diese nach prophetischem Vorbild aktualisieren könnte.

Die Grundlage für diesen Vortrag bildet die Charta von Madiinah, anhand welcher die aus ihr abgeleiteten Ergebnisse gezeigt und diskutiert werden sollen. Im Einzelnen werden dabei folgende Themen angesprochen:

  • Entstehung des prophetischen Staates
  • Klärung des Begriffs der Souveränität
  • Wichtigste Merkmale und Aufgaben dieses Staates
  • Grundprinzipien dieses Staates
  • Entwicklung zur Zeit der Raschiduun-Kalifen, der Banu-umayyah, der Banu-‘abbaas, der Osmanen usw.
  • Vergleich des prophetischen Herrschaftssystems mit gängigen Herrschaftssystemen
  • Konzept des prophetischen Staates
  • Sozialgesellschaftliche Aufgaben der Muslime hier und heute, abgeleitet von der Charta von Madiinah.

Entstehung des prophetischen Staates

Analysiert man die Texte von Quraan und Sunnah, die Aayaat und Ahaadiith, so stellt man fest, dass der Islam weder ein bestimmtes Herrschaftssystem noch eine bestimmte Staatsverwaltung vorschlägt. Es wird auch nicht vorgegeben, auf welche Art und Weise die Regierung oder der Herrscher gewählt werden soll.

Da diesbezüglich keine Vorgaben vorhanden waren, richtete man sich nach ‘Urf, den vorherrschenden lokalen Sitten und Traditionen. Gab es eventuell vorhandene Strukturen, die ALLAAHs Gesandter (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) übernehmen konnte bzw. übernommen hat? Oder existierten andere entscheidende Einflüsse? Oder hat der Prophet (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) eigene, neue nicht der damaligen Zeit entsprechende Vorstellungen eingebracht, da der Prophet (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) bei der Gründung schließlich nicht als Gesandter ALLAAHs sondern als Mensch, als politischer Führer, agiert hat. Die Frage ist also, ob es Idschtihaad gab und in welchem Zusammenhang. Denn wenn es für die Entwicklung eines islamischen Staates kein Vorbild gab, dann muss es dem Gedankengut des Propheten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) entsprungen sein.

Betrachtet man das Gebiet der arabischen Halbinsel zur Zeit Muhammads, so weiß man, dass es bereits Staaten gab wie z. B. das Königreich Saba, der heutige Jemen. In der Heimat des Gesandten ALLAAHs (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam), dem Hidschaaz, gab es jedoch keinen Staat im eigentlichen Sinne. So war Mekka eine Art Selbstverwaltung, die nur dadurch funktionierte, dass sich die Stammesführer bei Fragen der Verwaltung berieten und durch Einigung auf Kompromisse zu einem Konsens fanden. Die so erreichte Entscheidung konnte dann von allen Stämmen getragen und umgesetzt werden. Da es im Hidschaaz also keinen Staat gab, konnte die Gründung des islamischen Staates nur auf ‘Urf und dem Idschtihaad des Propheten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) basieren.

Klärung des Begriffs der Souveränität

In der Politik bedeutet Souveränität die völlige Hoheitsgewalt. Es gilt zu klären, wer der Souverän in einem Staat ist. Wer hat das letzte Wort? Wer entscheidet? Das Politiklexikon definiert den Souverän als „den Herrscher oder die Herrscherin eines Landes“. In einer Republik ist der Souverän die Gesamtheit der Menschen dieses Staates.

Viele Muslime sind der Auffassung, ALLAAH (ta’aala) sei der Souverän. Doch gibt es Belege für diese Aussage?

Oder ist das eine Idschtihaad-Meinung bestimmter Gelehrter?

Die Antwort ist: es gibt keinerlei Belege aus Quraan und Sunnah, die uns sagen, dass ALLAAH (ta’aala) der Souverän sei. Ohnehin ist dieser Begriff in seiner politischen Bedeutung neuzeitlich, denn er entstand nach der französischen Revolution.

Es gibt Muslime, die den Begriff „Souveränität“ (Al-haakimiyyah) als die letzte Instanz im Staate mit Al-haakimiyyah von ALLAAH (ta’aala) in Bezug auf die Schöpfung verwechseln. Doch dies sind zwei völlig verschiedene Dinge. ALLAAH (ta’aala) ist der Schöpfer und Verwalter, der Souverän in diesem Kosmos. ALLAAH (ta’aala) ist Derjenige, Der in der Schöpfung die letzte Entscheidung hat, aber das andere ist eine Frage der politischen Herrschaft in einem Staat.

Nun stellt sich die Frage:

Ist ALLAAH (ta’aala) in einem islamischen Staat der Souverän?

War das so zu Zeiten des Propheten? War die Charta von Madiinah, mit der Muhammad die Grundlage für den Staat legte, Wahy? Kam sie von ALLAAH (ta’aala)? Oder war es eine Vereinbarung unter Menschen basierend auf ’Urf und Idschtihaad?

Sprachgelehrte stellen fest, dass Al-haakimiyyah und Al-hukm eigentlich die gleiche Bedeutung haben. Allerdings bezeichnet Al-haakimiyyah die Person, die ein Urteil fällt, während Al-hukm das Urteil an sich meint. Doch was hat dies mit Souveränität zu tun? Ist wirklich ALLAAH (ta’aala) der Souverän?

Stellen wir folgende These auf:

Der eigentliche Souverän in einem islamischen Staat ist nicht ALLAAH (ta’aala), sondern der Mensch. Aber nicht jeder beliebige Mensch, sondern ein Mensch mit besonderen Eigenschaften wie Zurechnungsfähigkeit, geistiger Reife, Urteilsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein.

Dieses führt konsequenterweise zu einer spezifischeren These:

Der Souverän ist der zurechnungsfähige, reife, urteilsfähige und verantwortungsbewusste Mensch (raaschid). Doch wie ist die Begründung dafür?

Die Behauptung, dass ALLAAH (ta’aala) der Souverän sei, wurde zum ersten Mal von den Chawaaridschiten zur Zeit von ’Aliy (radiyal-laahu ‘anh) geäußert. Sie waren Gegner von ’Aliy (radiyal-laahu ‘anh) und warfen ihm vor, vom Islam abgefallen zu sein, weil er den Streit zwischen ihm und Mu’aawiyah nicht von ALLAAH (ta’aala) hat richten lassen, sondern ein Schiedsgericht einberufen und dessen Urteil akzeptiert hat.

Im letzten Jahrhundert hat der pakistanische Gelehrte Abul-‘alaa Al-maududi in seiner Niederschrift der islamischen Verfassung den Begriff Haakimiyyah mit Souverän übersetzt, da seiner Meinung nach ALLAAH (ta’aala) in einem islamischen Staat herrscht. Doch in welchem Sinne? Und wie soll das gehen? Wieso ist es so eben nicht?

Zunächst einmal ist der Begriff „Souveränität“ nicht eindeutig definiert. Er wurde nach der französischen Revolution geprägt und hatte bereits damals unterschiedliche Bedeutungen. Sprach man beispielsweise in der westlichen Welt zu jener Zeit von der Souveränität des Volkes, so war damit nicht die Gesamtheit des Volkes gemeint, sondern lediglich die obere Gesellschaftsschicht, die Elite. Erst später wurde das restliche Volk mit einbezogen, indem es seine Vertreter wählen konnte.

Auch im Islam ist der Begriff der Souveränität nicht eindeutig. Der Gelehrte Al-Maududi sieht ALLAAH (ta’aala) als den Souverän im islamischen Staat an, weil Quraan und Sunnah befolgt werden müssen, die ihrerseits durch Wahy gekommen sind. Andere Gelehrte sagen jedoch, die Souveränität gehöre der Ummah, denn sie entscheidet wie und welchen Herrscher sie wählt. Wieder andere Gelehrte sind der Meinung, dass es eine gemeinsame Aufgabe zwischen den Menschen und ALLAAH (ta’aala) ist, denn ALLAAH (ta’aala) hat uns etwas hinabgesandt, das manchmal von Menschen interpretiert werden muss, d. h. in den Augen dieser Gelehrten ist es eine gemeinsame Verantwortung.

Wie lässt sich nun eindeutig klären, wer de facto der Souverän in einem islamischen Staat ist? ALLAAH (ta’aala) übermittelte nur wenige eindeutige, aber viele mehrdeutige Gebote. Die mehrdeutigen unterliegen daher dem Verständnis und der Interpretation des Menschen, so dass Menschen aus Quraan und Sunnah-Texten verschiedene, auch durchaus gegensätzliche, Dinge verstehen und praktizieren. Wäre ALLAAH (ta’aala) der Souverän, müssten seine Gebote eindeutig und dürften nicht interpretierbar sein. ALLAAH (ta’aala) gab den Menschen die Freiheit, ihren Diin und ihre Lebensweise selbst zu wählen, d. h. die Aufgabe des Herrschens in einem Staat wurde den Menschen überlassen – allerdings nur dem reifen, verständigen Menschen, damit er das Nützliche für den Staat erkennen kann und entsprechend ausübt und durchführt.

Wichtigste Merkmale und Aufgaben dieses Staates

Es gibt klare Belege, dass der Mensch, der baaligh und raaschid ist, derjenige ist, der im Staat die Verantwortung übernimmt. So stellt sich nun die Frage, welche wichtigsten Merkmale und Aufgaben man von der Charta von Madiinah ableiten kann.

Hierbei gibt es verschiedene Ebenen zu betrachten, denn der Prophet (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) hat mit der Charta ein völlig neues System eingeführt, welches man durchaus als das „Ummah-System“ bezeichnen kann. Dabei ist als Ummah nicht nur die Gemeinschaft der Muslime gemeint, sondern der Gesandte ALLAAHs (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) sagt in der Charta ganz explizit: Muslime und Nicht-Muslime, Juden und Polytheisten bilden die Ummah. Es gibt also eine sog. Globale Ummah (GU), das Volk eines Staates, innerhalb derer der Prophet (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) mehrere Spezifische Uman (SU) definiert hat. So gab es in Madiinah z. B. die Ummah der Muslime, die Ummah der Juden und die Ummah der Polytheisten. Die Summe dieser Uman war die Globale Ummah, nämlich das Volk von Madiinah. Neben der Definition der verschiedenen Spezifischen Uman innerhalb der Globalen Ummah hat der Prophet (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) in der Charta von Madiinah auch festgelegt, welche Pflichten, Aufgaben und Rechte die einzelnen Mitglieder der Spezifischen Uman haben.

In Bezug auf die Herrschaftsform hat er festgelegt, dass der zurechnungsfähige und verantwortungsvolle Mensch (baaligh und raaschid) der Souverän ist, wobei jede Ummah ihre Angelegenheiten autonom verwaltet. Außerdem wurden Oberverfassungsorgane mit dem Propheten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) als letzte Instanz benannt, welche bei Streitfällen unter den spezifischen Uman Entscheidungen trafen bzw. urteilten.

In Bezug auf die Ummah der Iimaan-Bekennenden hat der Gesandte ALLAAHs (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) zwei spezielle ???ganz eindeutig hervorgehoben, nämlich zum einen die Verpflichtung einander islam-konformen Beistand zu leisten, ungeachtet ob sich die Schwester/der Bruder im Recht oder Unrecht befindet. Wenn sie/er sich im Recht befindet, soll man helfen das Recht durchzusetzen; wenn sie/er sich im Unrecht befindet, muss man versuchen sie/ihn davon abzuhalten Unrecht zu begehen. Zum anderen manifestierte er, dass der Ummah der Iimaan-Bekennenden in Streitfällen immer Priorität einzuräumen ist, d. h., wenn es in einem Konfliktfall darum geht, zu sein oder nicht zu sein, haben die Deinen immer Vorrang.

Bezogen auf die Pflichten und Staatsaufgaben der einzelnen Mitglieder der Globalen Ummah leiten sich von der Charta von Madiinah die auch heute noch modernen und in fast jedem Staat geltenden Prinzipien ab.

Diese sind im Einzelnen:

  • Freiheit des Bekenntnisses und Ausübung der Religion
  • Gleichheit aller Mitglieder der GU vor dem Staat
  • Gleichheit aller Mitglieder der GU in Bezug auf Pflichten und Rechte
  • Gleichheit aller Spezifischen Umam, die sich der GU anschließen (Einbürgerung)
  • Selbstbestimmung der Spezifischen Umam /SU
  • Wirtschaftliche Autonomie der Spezifischen Umam
  • Prinzip des gütigen Umgangs den SU untereinander
  • Staatsverteidigung ist Pflicht aller Mitglieder der GU
  • Verpflichtung zum staatsbürgerlichen Gehorsam
  • Militärische Verteidigung des Staates ist kollektive Pflicht
  • Verpflichtung zur Finanzierung der Staatsverteidigung für alle
  • Entscheidungen des Staates über Krieg und Frieden sind für alle verbindlich
  • Kein Schutz und kein Asyl für Staatsfeinde
  • Jegliche Kooperation mit Staatsfeinden ist ein Verbrechen
  • Alle Mitglieder der GU sind vor dem Gesetz gleich
  • Das Gesetz hat Vorrang und niemand steht über dem Gesetz, weder Herrscher noch Beherrschte
  • Verpflichtung des Herrschers zur Unterstützung der GU-Mitglieder, die das Gesetz einhalten
  • Verpflichtung aller Mitglieder der GU zur Verteidigung jeder Person, die Unrecht erleidet
  • Verbot der Sippenhaftung
  • Die Schuld für ein Verbrechen ist nicht übertragbar
  • Kein Verbündeter haftet für ein Verbrechen seines Verbündeten
  • Unterstützung von Gesetzesbrechern ist strafbar
  • Todesstrafe für Mord (bzw. Diyyah) ist möglich
  • Nicht-Muslimen, die einen Sicherheitsvertrag mit Muslimen haben, steht das Recht auf Diyyah zu
  • Blutrache ist verboten
  • Verpflichtung zum gütigen Umgang unter den Mitgliedern der GU
  • Der Nachbar, egal ob Muslim oder Nicht-Muslim, genießt besondere Rücksicht
  • Verpflichtung zur Solidarität unter den Mitgliedern der GU
  • Jedes Mitglied der GU kann Asyl gewähren und wird dabei unterstützt
  • Reisefreiheit und das Recht auf Sicherheit für Leib Leben und Vermögen
  • Die Reisefreiheit kann begründet eingeschränkt werden
  • Beachtung der Sitten und Eigentumsrechte
  • Diejenigen, die sich der GU anschließen, genießen Gleiches

Auf der Basis dieser Rechte und Pflichten der Charta von Madiinah hat der Prophet (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) den Staat aufgebaut und dabei von vornherein ganz klare Strukturen geschaffen und Vereinbarungen zwischen den einzelnen Umam geschlossen.

Grundprinzipien dieses Staates

Aus der Charta von Madiinah lassen sich verschiedene allgemeine Grundprinzipien der Globalen Ummah ableiten, deren Beachtung allen Spezifischen Umam größtmögliche Autonomie und Freiheit gewährte.

Im Einzelnen waren das die Prinzipien

  • einer GU (einem Volk) mit unterschiedlichen Ethnien und Religionen
  • der Freiheit (Religion, Meinung, Reise, etc.)
  • der Beratung (Schuura)
  • der Staatsbürgerschaft mit religiöser und ethnischer Vielfalt
  • der guten Absichten sowie des gütigen Umgangs und der Solidarität in der GU
  • des Gewaltverbots sowie das Verbot des bewaffneten Kampfes innerhalb der GU
  • der Herrschaft des staatlichen Gesetzes und die Bestrafung bei Übertretung
  • der menschenmöglichen Gerechtigkeit
  • der Berücksichtigung guter Sitten und Traditionen
  • der Gleichheit der Mitglieder der GU
  • der gemeinsamen Verteidigung der GU
  • der Anerkennung einer staatlichen Macht und einer letzten Instanz zur Regelung von Streitigkeiten

Entwicklung zur Zeit der Raaschiduun, der Banu-umayyah, der Banu ‘abbaas, der Osmanen usw.

Zur Zeit der Raschiduun (Abu-bakr, ‘Umar, ‘Uthman ’Aliy und Al-hasan) gab es folgende Entwicklung, zum einen waren von der ehemals großen Spezifischen Ummah der Juden nur noch Einzelpersonen übriggeblieben und zum anderen hatten alle Mitglieder der Spezifischen Ummah der Polytheisten den Islam angenommen. Dadurch wurde die Spezifische Ummah der Muslime zur Globalen Ummah. Gleichzeitig kam es durch Eroberungen zur Zeit der Raschiduun zu einer großen Erweiterung des Territoriums, wodurch erneut Nicht-Muslime unter der Herrschaft von Muslimen lebten. Diese Umstände führten zu einer Entwicklung von Administrations- und Staatsstrukturen. Jedoch entwickelten sich die Nicht-Muslime nie zu einer eigenen Spezifischen Ummah, sondern sie wurden als Vertragsverbündete angesehen – als Menschen, die zwar mit bestimmten Rechten ausgestattet unter dem Schutz der Muslime lebten, die aber nie Teil der Globalen Ummah wurden.

Es gab also nicht die Beibehaltung der Struktur wie sie in der Charta von Madiinah festgelegt war; stattdessen kam es zu einer ersten Fehlentwicklung. Die muslimischen Herrscher haben nicht darauf geachtet, dass neue Gemeinschaften unter die Herrschaft des islamischen Staates kamen, mit denen man Verträge nach dem Vorbild der Charta von Madiinah abschließt bzw. dass es eine neue Spezifische Ummah gibt, deren Mitglieder Bürger des islamischen Staates wurden und somit auch an der Macht zu beteiligen sind. So kam es zu Aufständen, weil sich die neuen Gemeinschaften nicht als Teil des Staates gefühlt haben.

Auch in der Staatsverwaltung kam es zu einer neuen Entwicklung. So hat ‘Umar (radiyal-laahu ‘anh) nach dem Vorbild des Propheten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) gewisse Sitten sowie vorhandene Organe und Gesetze der Staaten, welche die Muslime übernommen hatten, beibehalten. Er übernahm z. B. die gesamte Staatsverwaltung der Byzantiner oder der Perser mitsamt ihrer Beamten und ihrer Sprache. Selbst bei der Wahl des Herrschers bzw. der Regierung wurde nach dem jeweiligen ’Urf/Brauch verfahren und lediglich ein Muslim als Leiter benannt und erst Jahrzehnte später wurde das neue Territorium arabisiert. Es wurde also nicht alles Vorhandene verworfen, sondern man nahm es an, lernte daraus, um später auf der Basis der bereits vorhandenen, durch Nicht-Muslime entwickelten, Verwaltungssysteme eigene staatliche Infrastrukturen aufzubauen.

Während der Zeit der Banu-umayyah entwickelte sich das Herrschersystem konträr zum Charakter der Charta von Madiinah zu einer absolutistischen Erbmonarchie. Es war Mu’aawiyah, der dieses einführte, indem er seinen Sohn zu seinem Nachfolger bestimmte. Seitdem benannte jeder Herrscher seinen Nachfolger, mit der Konsequenz, dass die Globale Ummah ihre Souveränität verlor. Es herrschte nur noch der Chaliifah; die Person des Chaliifah war das alleinige Gesetz.

Auf die Gerichtsbarkeit bezogen, bedeutete dies, dass der Chaliifah die Richter einsetzte. Da es zu der Zeit weder niedergeschriebene Gesetze noch kodifizierte Scharii’ah-Gebote gab und die Richter auf der Basis von Idschtihaad urteilten, gab es von Land zu Land, von Stadt zu Stadt und von Zeit zu Zeit unterschiedliche Gerichtsurteile.

In der Regierungszeit der Banu-‘abbaas blieb die absolutistische Erbmonarchie als Herrschaftsform bestehen. Allerdings kam es auch zu gewaltsamen Machtübernahmen – auch durch befreite Sklaven (Arabisch: Mawaali).

Das islamische Territorium dehnte sich weiter aus und es kam zu ersten Abspaltungen vom Chilaafah in mehrere Staaten wie beispielsweise Andalusien, Faatimiyyah, ’Ubaidiyyah. Es gab keine Spezifischen Umam mehr nach dem Vorbild der Charta. Es gab nur noch die Globale Ummah; die anderen Gruppen waren nur noch die Beherrschten, mit denen man Schutzverträge schloss. Auch zu dieser Zeit gab es noch keine Kodifizierung der Gesetze.

Auch zur Regierungszeit der Osmanen wird die absolutistische Erbmonarchie fortgeführt, jedoch gab es am Ende der osmanischen Periode eine interessante Entwicklung. Der Chaliifah ’Abdul-hamiid II gab im Jahr 1876, entsprechend der Charta von Madiinah, zum ersten Mal ein Gesetz?? heraus.

Diese sog. Osmanische Verfassung, legte explizit fest, dass es eine Art Parlament bestehend aus zwei Häusern gibt, nämlich ein sog. Abgeordnetenhaus (Hey’et-i Meb’üsan) und ein Oberhaus (Heyet-i Ayan). Das Abgeordnetenhaus sollte das Volk vertreten und bestand daher nicht nur aus Muslimen, sondern hatte entsprechend der Zusammensetzung des gesamten Volkes auch jüdische, christliche und armenische Abgeordnete.

Man kann also eine Rückkehr zum Geiste der Charta von Madiinah erkennen, denn es sind sowohl eine Globale Ummah als auch Spezifische Umam definiert. Somit waren alle Menschen unter der Herrschaft dieses Staates wieder Mitglieder dieser Globalen Ummah, denn Art. 8 der Verfassung definierte den Begriff „Osmane“ als alle Untertanen des osmanischen Reiches ungeachtet welcher Religion oder Schule sie angehörten. Des Weiteren wurden alle Osmanen vor dem Gesetz gleichgestellt, indem allen gleiche Rechte und Pflichten gegenüber dem Staat zugesprochen bzw. auferlegt wurden. Auch war allen Untertanen der Zugang in den Staatsdienst offen.

Außerdem wurden erste Schritte unternommen, Scharii’ah-Gebote zu kodifizieren, da man erkannt hatte, dass die Idschtihaad-Kompetenz nicht sehr verbreitet war. Um Fehlurteilen durch mangelhaft ausgebildete Richter entgegenzuwirken, begann man zunächst damit, die Fiqh-Regeln einzuführen, auf deren Grundlage man auch Urteile fällen konnte. Diese Regeln wurde 1876 in der „Mecelle-i Ahkam-i, der Zeitschrift der gesetzlichen Bestimmungen“, festgehalten. Einige dieser Gesetze wurden später auch von anderen Staaten wie z. B. Syrien oder Jordanien übernommen.

Vergleich des prophetischen Herrschaftssystems mit gängigen Herrschaftssystemen

Es stellt sich die Frage wie man das aus der Charta von Madiinah abgeleitete vom Propheten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) praktizierte Herrschaftssystem bezeichnen kann.

Es war keine Monarchie, denn der Gesandte (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) war kein König, sondern ein Oberhaupt, das von der Globalen Ummah in Madiinah akzeptiert wurde.

Für die Muslime war er zusätzlich noch der Prophet während die Juden ihn nicht als Propheten anerkannten. Sie akzeptierten ihn als politisches Oberhaupt, weil die Muslime zum einen die stärkste Gemeinschaft in Madiinah stellten und weil sie, im Gegensatz zu den zerstrittenen jüdischen Stämmen, eine Einheit waren.

Das Herrschaftssystem des Propheten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) war auch keine Diktatur, da es durch die Charta von Madiinah keine Immunität bzw. Befreiung von der Gerichtsbarkeit für den Herrscher kannte.

Ebenso wenig war der prophetische Staat eine Theokratie oder Hierokratie, denn er war weder ein Gottesstaat, noch war der Prophet (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) aufgrund „von Heiligkeit“ als Oberhaupt anerkannt. Der Gesandte (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) war nicht Stellvertreter Gottes auf Erden und ein Chaliifah war immer nur Nachfolger des Gesandten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) im politischen Amt, ein Diener der Globalen Ummah.

Einige Muslime vertreten die Meinung, dass „Gottesstaat“ die Anerkennung Gottes bedeute. Doch hat das Eine mit dem Anderen nichts zu tun, denn der Begriff „Gottesstaat“ ist ein politischer Begriff. Per definitionem ist ein Gottesstaat ein Staat, dessen Herrscher entweder Gott selbst ist oder dessen Herrscher Stellvertreter Gottes auf Erden ist oder aber es existiert eine Gruppe, die diese Funktion übernimmt. Aufgrund dieser Definition ist es ausgeschlossen, dass es einen islamischen Gottesstaat gibt. Der einzige Gottesstaat heute ist der Vatikan, da der Papst gemäß der katholischen Kirche der Stellvertreter Gottes ist.

Auch kann man den prophetischen Staat nicht als Demokratie nach westlichem Verständnis bezeichnen, da wir an das gebunden sind, was in der Scharii’ah als unabänderliche Gebote aufgeführt ist (’Aqiidah-Inhalte). Wenn es jedoch unter Berücksichtigung der Unabänderlichkeitsklauseln (Ewigkeitsklauseln) um die Umsetzung geht, so ist der prophetische Staat durchaus als demokratisch zu bezeichnen.

Das Konzept des prophetischen Staates

Der prophetische Staat ist ein Staat mit einem eigenen Staatskonzept basierend auf:

  • einer schriftlichen Verfassung durch die Charta von Madiinah
  • einer Garantie gewisser Grundrechte für alle Bürger des Staates
  • einer Gewaltentrennung:

Die Legislative wird von berufenen islamischen Gelehrten, den ‘Ulamaa´, und von Experten der verschiedenen Wissenschaften ausgeübt.

Als Exekutive fungieren das Staatsoberhaupt in Zusammenarbeit mit dem Regierungs- und Beamtenapparat.

Die Judikative wird durch hierfür ausgebildete Fachleute, die Richter (Qudaat) ausgeübt, die islam-konform urteilen. Dabei hat die Exekutive weder Einflussmöglichkeiten auf die Gerichte noch Weisungsbefugnis.

Analog zum Rechtsstaat kennt das prophetische Staatskonzept neben der Gewaltenteilung auch verfassungsrechtliche Inhalte, welche durch keine verfassungsrechtlichen Mehrheiten aufgehoben werden können. Dieses sind die Qat’iy-Normen (nicht aufhebbare Normen) von Quraan und der Sunnah des Gesandten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam), die als primär verbindlich gewertet werden.

Zusammenfassend lässt sich über das prophetische Staatskonzept sagen:

  • Der Staat und das Herrschaftssystem nach prophetischem Vorbild sind einzigartig, nicht von anderen kopiert und nicht aus mehreren zusammengesetzt. Es hat eine eigene Philosophie.
  • Es beherrscht die Ummah im Diesseits ohne sie vom Jenseits zu trennen.
  • Es setzt die Staatsgewalt so wenig wie möglich ein und ermöglicht den Mitgliedern der GU höchstmögliche Autonomie.
  • Seine religiöse, sozialgesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Philosophie verbindet das Materielle mit dem Spirituellen. Es ermöglicht das Diesseits für alle, die es anstreben, und es ermöglicht das Jenseits für alle, die es anstreben, sowie beides für alle, die beides berücksichtigen wollen.
  • Es ist ein menschliches System mit dem Menschen in seinem Zentrum – kein Gottesstaat.
  • Zu seinen Prioritäten gehören die Verteidigung der Souveränität des Staates und seiner Apparate sowie die Verwaltung und Organisation der Angelegenheiten der Gesellschaft und des öffentlichen Lebens.
  • Es ist sozial und schützt die Würde des Menschen.
  • Es ist ein Rechtsstaat, in dem alle Mitglieder vor dem Gesetz ausnahmslos gleich sind.
  • Es ähnelt in seiner Praxis den demokratischen Systemen, wenn man dabei die Möglichkeit unveränderbarer Verfassungsparagrafen berücksichtigt.
  • Es muss nicht Chilaafah genannt werden.
  • Es muss nicht alle Muslime umfassen.
  • Es feindet niemanden speziell an, erkennt die Vielfalt der Menschen an und begegnet dieser sehr positiv.

Sozialgesellschaftliche Aufgaben der Muslime hier & heute, abgeleitet von der Charta von Madiinah

Obwohl wir Muslime sind, die in einem nicht islam-geprägten Staat leben, können wir bestimmte Merkmale der Charta von Madiinah berücksichtigen und daraus Aufgaben für uns Muslime ableiten. So bedarf es einer Etablierung einer Spezifischen islamischen Ummah, einer islamischen Infrastruktur und eines sozialen Hilfsfonds.

Etablierung einer Spezifischen islamischen Ummah gemäß Art. 3 und 4 der Charta von Madiinah

Es sollten Spezifische Umam und eine Spezifische islamische Ummah konstituiert werden, welche durch vertragliche Solidaritätsvereinbarungen zwischen den Spezifischen Umam und der Gesamt-Ummah miteinander verbunden sind. Dieses könnte z. B. nach dem Vorbild der katholischen Kirche geschehen, welche einen Staatsvertrag mit dem Staat Deutschland hat. Warum sollte eine Spezifische Ummah der Muslime dieses nicht auch machen können? Es würde außerdem der Charta von Madiinah entsprechen, in der genau solche Verträge dokumentiert sind.

Es wäre ebenso möglich, vertragliche Vereinbarungen mit den anderen religiösen Gemeinschaften oder auch anderen Organisationen zu schließen. Auf diese Art könnten die Muslime zeigen, dass sie sich als Teil des Staates ansehen und auch bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Eine positive Konsequenz wäre auch, dass der Islam dadurch in Deutschland etabliert werden könnte und heimisch würde.

Eine Voraussetzung hierfür wäre allerdings, dass die Menschen hier den „richtigen“ den authentisch islamischen Islam kennenlernen. Dafür ist es notwendig dem Islam eine eigene Sprache zu geben, eine richtige, eine gute, eine islam-konforme Sprache, die von allen verstanden wird. Wir dürfen nicht länger christliches Gedankengut und christliche Begriffe übernehmen und auf islamische Inhalte projizieren, denn wir haben eine andere Geschichte und in vielen Bereichen andere Verständnisse. So muss die fachliche islamische Terminologie in die deutsche Sprache einfließen und verstanden werden, so dass wir nicht länger aneinander vorbeireden.

Islamische Infrastruktur

Die Bildung einer islamischen Infrastruktur beinhaltet das Schaffen von Erziehungs- und Bildungsanstalten. Hier sind zuerst die Moscheen in der Pflicht.  Doch leider werden vorhandene Gelder meist in den Bau von schönen Moscheen investiert und für die unbedingt notwendige Bildung der Kinder, Jugendlichen und auch der Erwachsenen bleibt nichts übrig.

Auch brauchen Muslime ihre eigenen Medien. Wir beschweren uns über das Bild, das westliche Medien von uns zeichnen und den Islam diskreditieren. Doch wir tun nichts dagegen, bringen uns nicht ein, denn wir haben keine eigenen Medien. Es nutzt uns nichts arabische oder türkische Medien zu haben; es bedarf islamischer Medien in der Landessprache des jeweiligen Staates, in dem wir leben.

Ein weiterer Punkt ist die Errichtung von Kultur- und Freizeitzentren, von Begegnungsstätten, in dem Muslime und Nicht-Muslime islam-konform zusammenkommen können. Diese islamischen Zentren dürfen nicht als Trennung von der westlichen Gesellschaft verstanden werden, sondern sie sollen ein Bereich sein, in dem wir unsere Verständnisse projizieren können, indem wir zeigen: das ist der Islam, so offen ist er. Außerdem böten die Zentren die Möglichkeit, dass man sich auf sozialgesellschaftlicher Ebene trifft.

Soziales Hilfssystem

Die Muslime brauchen ihr eigenes soziales Hilfssystem, in Form von Stiftungen und islamischen Hilfsfonds (Waqf), denn diese haben in den islamischen Ländern immer eine wichtige Rolle gespielt. Sie unterstützen Hilfsbedürftige, aber auch Menschen, die nach Bildung suchen und sich eine Ausbildung in den islamischen Wissenschaften nicht leisten können. Wir hier im Westen sind ganz besonders auf gut ausgebildete Gelehrte angewiesen. Wie sonst kann das Wissen erlangt und weitergegeben werden? Die islamische Geschichte zeigt, dass die Politik sich nie darum kümmerte unabhängige Gelehrte auszubilden, sondern im Gegenteil: Gelehrte und Wissenschaftler wurden verfolgt, so wie die großen Gelehrten Imaam Abu Haniifah (starb im Gefängnis), Imaam Asch-schaafi’iy (stand kurz vor seiner Hinrichtung) und Imaam Maalik (wurde gefoltert). Nur durch die Unterstützung unabhängiger Stiftungen konnten diese Gelehrten lehren, forschen, Bücher verfassen und so ihr Wissen weitergeben.

Auch braucht es sog. Vergeschwisterungsprogramme. Die Muslime in Deutschland kommen aus verschieden Ländern mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen. Wir Muslime müssen uns kennenlernen, denn leider ist es immer noch gang und gäbe, dass Muslime der verschiedenen Herkunftsländer unter sich bleiben. Sie gehen in arabische, türkische, bosnische, afghanische Moscheen usw., in denen ihre Herkunftssprache gesprochen wird und oftmals kennen sich die Gemeinden untereinander nicht oder wissen schlimmstenfalls nicht von den anderen. Wenn darüber gesprochen wird, den Islam in Deutschland heimisch werden zu lassen, dann bedarf es einer Entwicklung bei den Muslimen, nämlich, dass alle Muslime – egal welcher Herkunft und Sprache – eine Einheit werden und eine einzige islamische Ummah bilden, die auch als eine solche wahrgenommen wird.

Ein weiterer Punkt ist der Bedarf an Beratungsstellen, Sozialstationen und Sozialarbeit. Es gibt mittlerweile viele Muslime, die in der Ehe, bei der Erziehung oder am Arbeitsplatz Probleme haben oder auch unter Gewalt und Arbeitslosigkeit leiden. Oft werden die Betroffenen an Psychologen und Therapeuten verwiesen, die weder den Islam noch unsere Umstände kennen, was meist dazu führt, dass den Hilfesuchenden nicht geholfen werden kann. Im schlimmsten Fall geht es ihnen nach der Therapie noch schlechter und sie haben noch mehr Probleme. Wir brauchen ausgebildete Fachkräfte für diesen Bereich, die den Islam, sowie die Herkunft und Kultur der Muslime kennen und verstehen, denn nur so können sie den Hilfesuchenden effektive Hilfe anbieten.

All diese Aufgaben können wir vom Verhalten/von der Sunnah des Propheten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) ableiten, als er in Madiinah angekommen war.

Und ich denke, dass wir all dies dringend brauchen, damit wir Muslime in diesem Kulturkreis bestehen und Teil der hiesigen Gesellschaft sein können, um so unserer Verantwortung uns selbst und der Gesellschaft gegenüber – so wie ALLAAH (ta’aala) es uns geboten hat – gerecht zu werden.