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Wie werden die Begriffe „waadschib“ und „fard“ nach der hanafitischen Fiqh-Schule definiert?


Frage:

Soweit ich weiß, unterscheidet nur die hanafitische Fiqh-Schule zwischen “waadschiib” und “fard“. Wie werden diese Begriffe von den Hanafiten definiert?

Antwort:

Mit dem Namen ALLAAHs, Des Gnadenden, Des Allgnädigen!
Alles Lob gebührt ALLAAH, Dem wahren Herrn und Schöpfer! Seine Gnade und Sein Frieden mögen dem Gesandten Muhammad zuteilwerden, dem Gesandten der Milde und der Barmherzigkeit zu allen Geschöpfen.

al-iidschaab  الإيجاب  bzw. al-fard  الفرض  (die Muss-Kategorie):

Es bezeichnet die nachdrückliche, aus Allaahs Worten sich ergebende, an den Mündigen gerichtete Aufforderung zur Durchführung, mit dem Verbot der Unterlassung; z. B. das Gebieten des rituellen Pflichtgebets und der Zakaah.
Jede Handlung in dieser Kategorie heißt al-waadschib الواجب bzw. al-fard الفرض – (Adjektiv: waadschib واجب bzw. fard  1 فرض.)

Nur die Hanafiiten unterscheiden zwischen al-waadschib und al-fard. Nach dieser Fiqh-Schule werden beide wie folgt definiert:

  • al-fard ist eine Handlung, deren Verpflichtung durch einen Qat’i-Beleg (daliil-qat‘i دليل قطعي) nachgewiesen wird, d. h. nur durch Quraan und Mutawaatir-Überlieferungen 2 der Sunnah; z. B. Ableit-ung der Quraan-Rezitation im rituellen Gebet von Aayah (73:20):

فَٱقۡرَءُواْ مَا تَيَسَّرَ مِنَ ٱلۡقُرۡءَانِۚ

faqra-uu ma ta-yas-sara minal-qur-aani

“So rezitiert das vom Quraan, wozu ihr imstande seid”

 

Die Hanafiiten nennen diese Fard-Handlung  far i’tiqaadi فرض اعتقادي. Wer diese Handlungen verleugnet, gilt als Kaafir / Nicht-Muslim.

  • al-waadschib ist eine Handlung, deren Verpflichtung durch einen Dhanni-Beleg (daliil-dhanni دليل ظني) nachgewiesen wird.
    Ein Dhanni-Beleg kann entweder der Bedeutung nach wie die durch Analogieschluss/Qiyaas/قياس gewonnenen Normen (dhan-niy-yud-dalaalah ظني الدلالة) oder dem Überlieferungsweg nach wie die Aahaad-Überlieferung 3  (dhan-niy-yuthubuut ظني الثبوت) nicht eindeutig sein. Ein Beispiel dafür ist die Rezitation von der ersten Suurah Al-faatihah im rituellen Gebet. Diese wird von folgendem mehrdeutigem Hadiith abgeleitet: “لا صَلاةَ لِمَنْ لمْ يَقْرأ بِفَاتِحَةِ الكِتَابِ, kein rituelles Gebet gilt für denjenigen, der Al-faatihah nicht rezitiert; bzw. kein vollständiges rituelles Gebet gilt …” (B, M).Wer al-waadschib verleugnet gilt nach den Hanafiiten als Faasiq, aber nicht als Kaafir.

 

Und ALLAAH weiß es am Besten!

Fatwa- Kommission Islam-Wissen.Com

Notes:

  1. Siehe Imaam Al-ansaariy Al-laknawiy,’Abdul-’aliyi Muhammad: „fawaatihur-rahamuut bi-scharhi musal-lamith-thubuut فواتح الرحموت بشرح مسلم الثبوت”
  2. Hadiithe, die in jeder Tradentengeneration – vom Anfang bis zum Ende der Überlieferungs­kette – von einer großen Anzahl von Tradenten überliefert werden, die gewohnheitsgemäß eine Falsch­aussage nicht haben absprechen können.
  3. Alle Hadiithe, die nicht Mutawaatir-Überlieferungen sind, gehören zu dieser Kategorie.